Das tut weh. Wieso schämen wir uns für andere Menschen und deren Taten?

Die "Facepalm", eine Wortzusammensetzung aus "Gesicht" und "Handfläche", wurde vor einigen Jahren zu einem Internetphänomen aufgrund eines Bilds von Jean-Luc Picard (gespielt von Patrick Stewart), der Teile seines Gesichts mit einer Hand bedeckt. Dieses Bild und diese Geste sind durchaus etabliert, es gibt sogar ein entsprechendes Whatsapp-Emoticon. Die Geste beschreibt je nach Kontext Fassungslosigkeit, Frustration oder Trauer. Für viele Kenner und Nutzer ist sie vor allem ein nonverbaler Ausdruck des Fremdschämens.

Anlass zum Fremdschämen gibt es sicherlich schon, seitdem es Menschen gibt.

Die Wortschöpfung "Fremdschämen" ist allerdings nicht viel älter als die Etablierung der Facepalm (Das Verb "fremdschämen" wurde im Jahr 2009 in den Duden aufgenommen). Laut den Psychologen Sören Krach und Frieder Paulus von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Marburg ist das Fremdschämen tatsächlich ein "aktuelles Phänomen". Wir schämen uns nämlich seit einigen Jahren verhältnismäßig häufiger und im Kollektiv, da TV und Internet vermehrt als Plattform für Selbstpräsentation und damit verbundene peinliche Handlungen genutzt werden. Gleichzeitig ermöglichen soziale Netzwerke es uns, Bilder und Videos von Peinlichkeiten zu verbreiten, sodass wir uns alle gemeinsam für das Gesehene schämen können.

Doch wie kommt es eigentlich, dass wir uns für etwas schämen können, das nicht wir, sondern fremde Menschen getan haben?

Die Fremdscham ist auch für Psychologen schwer zu erklären. Schon die Scham ist eine komplexe Emotion. Anders als Basisemotionen wie Angst oder Traurigkeit, die schon bei Säuglingen auftreten, entwickelt sich Scham später und im Kontext sozialer Interaktion, man bezeichnet sie als soziale Emotion. Laut Frieder Paulus liegt ihr Nutzen darin, zwischenmenschliche Beziehungen zu regulieren und fungiert als "soziales Barometer". Sie tritt nämlich dann auf, wenn wir gegen soziale Normen verstoßen und bringt uns dazu, einen solchen Verstoß in Zukunft zu vermeiden oder uns zu entschuldigen, sodass wir unsere Beziehungen aufrechterhalten können.

Unter den sozialen Emotionen, zu denen bspw. auch Schuld und Eifersucht zählen, ist die Fremdscham einzigartig. Während wir nämlich nicht stellvertretend für andere Menschen Eifersucht oder Schuldgefühle empfinden, kennen wir das Gefühl, uns für andere zu schämen. Eine Annahme der Psychologen ist, dass die Fähigkeit zur Fremdscham die eigene Identität unterstützt: Wir versetzen uns in die Situation der Person, deren Verhalten Scham auslöst und schämen uns stellvertretend für sie – damit sichern wir uns selbst zu, dass wir uns nicht so verhalten würden.

Das Fremdschämen hat also etwas mit unserer Fähigkeit zu tun, die Perspektive unserer Mitmenschen zu übernehmen und nachzuempfinden. Dabei ist es aber auch entscheidend, wie schwerwiegend wir den Verstoß gegen die Norm, also die Peinlichkeit anderer Menschen einordnen. Für den einen ist der offene Hosenstall ein kleines Fauxpas, für den anderen eine öffentliche Demütigung, die die eigene Autorität untergräbt. Auch sind wir nicht alle auf die gleiche Weise fähig zur Empathie: Während einige Menschen die Peinlichkeit nachempfinden und Mitgefühl entwickeln, löst sie bei anderen Leuten Schadenfreude aus und so kommt es, dass manchen von uns die Schmach von Freunden oder Fremden beinahe weh tut und andere zum Lachen bringt.

Der Spaßfaktor der Fremdscham erklärt natürlich auch, warum sie so sehr im Trend und fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie ist. Nicht nur im Reality-TV, sondern in Serien. Stichwort: "Stromberg". Aber keine Sorge: Wenn wir gerne über Schäm-Momente im TV lachen, macht uns das nicht gleich zu schlechten Menschen. Im Falle von Serien wie Stromberg handelt es sich um fiktive Charaktere, zu denen wir keine emotionale Bindung haben, was uns für diese Figuren weniger empathiefähig macht.

Informationen

  • Text: Carla Steinberger
  • Foto: Carla Steinberger
  • Datum: 14. November 2017
  • Kategorie: Soziales